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Die Annenkapelle

Gegenüber dem Nordportal befindet sich der achteckige und turmartige gotische Bau der St. Annenkapelle aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Dieses Bauwerk wird von Kunstkennern mitunter spaßhafterweise als eine wertvolle "Zugabe" der Steinmetze bezeichnet.

Direkt neben der Marienkirche stehend, besticht die Kapelle durch ihre Reinheit der gotischen Formen vom oktogonalen Grundriß über die Wasserspeier, Krabben, die Ampel bis hin zur Kreuzblume.

 

Die Interpretation des oktogonalen Bauwerkes reicht von einer Friedhofskapelle ("überdimensionale Totenleuchte") bis hin zu einer Art Werbeplattform ("Litfaßsäule") für die ausführende Bauhütte. Historisch ist dieser Kapellenbau wohl am ehesten auf eine Totenkapelle, ein Beinhaus, zurückzuführen.

Seit dem 16. Jahrhundert ist sie als Verehrungsort der heiligen Anna belegt.

 

Der als "Roter Zwehl" literarisch bekannte Stadtschultheiß, Landschreiber und "Verteidiger" der Stadt, Johann von Zwehl, versteckte sich im oberen Teil der Kapelle während des Dreißigjährigen Krieges vor den schwedischen Besatzungstruppen.

 

In der Kapelle finden wir eine Marienstatue, die, von einigen späteren Veränderungen abgesehen, durchaus um 1300 entstanden sein kann.

 

Die zweite in der Kapelle befindliche Figur der "Anna Selbdritt" ist spätgotisch.

 

Momentan (Stand Anfang 2000) findet eine Komplettsanierung der Außenfassade der St. Annenkapelle statt. Bei dieser konnte durch Spezialuntersuchungen die vollständige mittelalterliche Farbgebung der Außenfassade festgestellt werden. Im Juni 2000) wird die ursprüngliche farbliche Fassung wiederhergestellt. Damit wird die Annenkapelle als ein originäres und einzigartiges Beispiel mittelalterlicher Kunst - zumindest für Thüringen und wohl auch darüber hinaus - der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Die St.-Annenkapelle der Propsteipfarrgemeinde "St. Marien" Heiligenstadt - mit ursprünglicher Farbgebung der Außenfassade als einzig derartiges Beispiel in Mittel- und Norddeutschland Kürzlich (August 2000) ist die farbliche Fassung der Annenkapelle am Heiligenstädter Kirchplatz gegenüber der Propsteipfarrkirche "St. Marien" vollendet worden. Den weinroten Grundton haben die Restaurateure durch ein Goldgelb - das die plastisch herausgearbeiteten Teile wie Aufsätze, Bekrönungen, Profilleisten, Eckvorsprünge und durchbrochene Öffnungen (Fenster, Nischen) absetzt - unterlegt. Zahlreiche Besucher und Einheimische fragen sich seither, was mit diesen Renovierungsarbeiten bezweckt wird. Annenkapelle mit wiederhergestellter Bemahlung im August 2000Von nicht wenigen Mitbürgern wird die Meinung vertreten, daß die Gelder bessere bzw. sinnvollere Verwendung fänden sollten als für diese "Verhunzung", die besonders im Gegensatz zu der in unmittelbarer Nähe befindlichen Kirche, die in ihrer jetzigen durch den Naturstein (Sandstein) geprägten Außenfassadengestaltung belassen wird, steht und manchen Passanten unliebsam "ins Auge sticht". Dieser bislang ungewohnte Umgang mit ursprünglichen Baubefunden sei an dieser Stelle näher erläutert. Propst Heinz Josef Durstewitz fand bei Aufräumarbeiten auf dem Sakristeiboden der Altstädter Pfarrkirche eine künstlerisch recht wertvolle und ansprechende Skulptur der Mutter Gottes, die ehemals an der Südseite in einer zentral angeordneten Nische der Annenkapelle, geschützt vor Unwetter, Platz fand. Schon mit dem bloßen Auge waren flächig gut erhaltene mehrfarbige Fassungen erkennbar. Die sich anschließenden von Spezialisten vorgenommenen Untersuchungen ergaben eine zeitliche Einordnung dieser polychromen Reste um das Jahr 1300. Die nach Norden weisende Nische einschließlich der darin eingebrachten Marienplastik nimmt nach den Vorstellungen der im Mittelalter lebenden Menschen eine übelabweisende Aufgabe, Wertigkeit bzw. Symbolik ein, da man im Norden das "Reich des Bösen" vermutete. Zukünftig soll die Sandstein-Madonna wieder ihre angestammte Position in der Außennische bekommen. Auch die nähere Begutachtung der Kapelle ließ derartige Farbspuren entdecken. Sachverständige der Denkmalpflege und hinzugezogene Wissenschaftler stellten fest, daß sie seinerzeit - um 1350 und später - außen vollständig bemalt gewesen ist. Einschlägige Gremien von Experten rieten nachdrücklich zu einer Erstellung des ehemaligen originären Zustandes. Der Kirchenvorstand von "St. Marien" in enger Zusammenarbeit und Kooperation mit den Fachleuten der Stadt Heilbad Heiligenstadt, des Landkreises Eichsfeld und des Freistaates Thüringen entschloß sich, die erste und älteste Farbfassung zu rekonstruieren, um diese einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Zu diesem Zweck flossen vom Land Thüringen 60.000 DM Denkmalpflegemittel, die in der ersten Phase der vollständigen Sanierung größtenteils für das Ersetzen von Bruchstücken verwendet wurden; dieses mußte ohnehin erfolgen. Analog zur Kapelle war die Propsteikirche im 14. Jahrhundert mit einem Außenanstrich in Weiß, Rot, Blau und Gelb im "Geschmack der Zeit" versehen gewesen. Dieses wirkt für den heutigen Betrachter meist grell ("kaugummifarbend" , "poppig"), vielleicht sogar "kitschig". Aber nicht nur ästhetische Gründe sprachen für diese Gestaltungsart. Der relativ rasch verwitternde Sandstein konnte mit solchen "Schutzschichten" optimal vor den Zerfall bewahrt werden. Ohne diese Vorsichtsmaßnahmen wären wohl viele Gotteshäuser und andere altehrwürdige Repräsentationsbauten (z. B. Rathäuser) schon längst vergangen und in der Gegenwart nicht mehr erhalten.

Farbreste sind ebenfalls von der Heiligenstädter St.-Martins-Kirche bekannt; an "St. Ägidien" in Heiligenstadt ist dies am Westportal sichtbar und angedeutet worden.

Aus dem Paris des 13. und 14. Jahrhunderts liegen Verordnungen vor, die u. a. besagen, daß Skulpturen öffentlich nur aufgestellt werden dürfen, wenn sie farblich gefaßt sind; dazu wurde häufig eine stark aufgebrachte Vergoldung genutzt. Papst Innozenz III. (um 1200) verfügte sogar die Verwendung bestimmter Farben für ganz bestimmte Festtage im Kirchenjahr (freundliche Mitteilung von Frau Dr. Erika Dittrich, Marburg).

Erst der Abschnitt der Romantik - um 1800; ein Begriff, der im allgemeinen Sinn ein von Gefühl und Phantasie geleitetes Verhalten oder eine stimmungsvolle Umgebung bzw. Situation (Siehe die Burgruinen) ausdrückt - sowie die nachfolgenden Epochen gingen dazu über, die Figuren sowie die Gebäude von "sich aus bzw. gleichsam von innen" heraus - ohne Farbgebung - wirken zu lassen. So ließ man im großen Maßstab die vielfach bunten Flächen der Kirchen ablaugen. Diesem aus den Zeitverhältnissen resultierenden Geschmack hängen wir bis heute nach und so ist es verständlich, daß sich unser "Sehverhalten" an das einmal Gewohnte orientiert.

Die Interpretationen des gegenüber dem Nordportal der Kirche "St. Marien" erbauten achteckigen turmartigen gotischen Baus der St. Annenkapelle - nun mit der Originalfarben aus dem 14. Jahrhundert - reicht von einer Friedhofskapelle ("überdimensionale Totenleuchte") bis hin zu einer Art Werbeplattform ("Litfaßsäule") für die ausführende Bauhütte als "Modell" für die Turmhauben vor dem eigentlichen Bau der Kirche. Darauf verweisen beispielsweise die Steinmetzzeichen, die an allen größeren Kirchen der Region vorkommen, so u. a. in Duderstadt.

Propst Durstewitz nimmt zudem die Funktion einer Nordtür gegenüber dem "Reich der bösen Geister" an. Die Jenaer Kunsthistorikerin Helga Möbius (1992) bemerkt in diesem Zusammenhang: "Ihre Stellung [gemeint die der Kapelle] zur Kirche wird früher noch enger gewesen sein, weil vom Nordportal aus eine Vorhalle zu ihr hinführte. Reste von Diensten an den Strebepfeilern beidseits des Portals weisen darauf hin".

Seit dem 16. Jahrhundert ist das Bauwerk als Verehrungsort der heiligen Anna belegt. Der als "Roter Zwehl" literarisch bekannte Stadtschultheiß, Landschreiber und "Verteidiger" der Stadt Heiligenstadt, Johann von Zwehl, versteckte sich im oberen Teil der Kapelle während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) vor den schwedischen Besatzungstruppen.

Die Kapelle ist eines der wenig erhalten gebliebenen Architekturensemble mit achteckigem Grundriß aus der Gotik; mit dem nun hinzugefügten ursprünglichen Farbanstich lädt sie als einzigartiges Beispiel in Mittel- und Norddeutschland von nun an alle Besucher zur kritischen Diskussion ein und wird in Zukunft mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit eines der "Tourismusmusmagneten" - allein schon wegen ihrer Einmaligkeit - von Heilbad Heiligenstadt sein; nicht nur für Laien, sondern ebenso für das Fachpublikum aus nah und fern (Architektur- und Kunststudenten usw.).

Ein kleiner Ausschnitt aus der Vorstellungswelt sowie aus dem unmittelbaren Umfeld unserer Vorfahren läßt sich durch diese "grundhafte" Wiederherstellung möglicherweise erahnen.

Wenn die Ausgestaltung der nun vor uns stehenden Annenkapelle ein bißchen den zu erwartenden und fortgeführten Gedankenaustausch anregt, war dieselbe nicht umsonst.

Maik Pinkert (Heiligenstadt, 17. Juli 2000)