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Die Palmsonntagsprozession in Heiligenstadt

Palmsonntag in Heiligenstadt ist für deutsche Katholiken ein Begriff und für Besucher der Stadt ein bemerkenswertes Ereignis. Es ist die "Palmsonntagsprozession", die Gläubige aus nah und fern nach Heiligenstadt kommen läßt. Zusätzlich zu den Teilnehmern kommen tausende von Zuschauern, die ergriffen und interessiert den Zug verfolgen.

Heiligenstadt droht an diesem Tag aus allen Nähten zu platzen. Ca. 5000 - 8000 Teilnehmer und ebenso viele Zuschauer sind es jedes Jahr, die extra zu dieser Prozession erscheinen. (Heiligenstadt hat ca. 17 500 Einwohner - der Kreis ca. 43000)

Auch vor der politischen Wende in der DDR waren Teilnehmerzahlen von 2000 – 4000 Gläubigen normal. Die Palmsonntagsprozession war und ist ein Beweis für die Lebendigkeit des überkommenen christlichen Glaubens im Eichsfeld.

Ursprünglich zog diese Prozession am Karfreitag durch die Straßen der Stadt, erst 1734 wurde sie auf den Palmsonntag verlegt. Die Karwoche ist es, die den Inhalt des Zuges bestimmt.

Der Palmsonntag führt in die Karwoche ein. Das Wort "Kara" ist althochdeutsch und bedeutet: Sorge, Kummer, Trauer. In der englischen Sprache ist dieses Wort geblieben: "to care for" bedeutet "sorgen für". Das Christentum feiert die Woche, in der die Sorge Gottes für die Menschheit besonders deutlich wird. Gott sorgt für die Menschheit durch seinen Sohn.
Der Palmsonntag ist der Erinnerungstag an den Einzug Jesu in Jerusalem, bei dem ihn die jubelnde Menge mit Palmenzweigen begrüßte. Die Palmenweihe wird deshalb auch von den Christen des Eichsfeldes feierlich begangen.
Der Passionsbericht, welcher an diesem Sonntag vorgelesen wird, weist auf den bevorstehenden Leidensweg Jesu hin. Mit dem Palmsonntag beginnt die letzte Woche der 40tägigen Fastenzeit, die Karwoche. Sie wird auch Heilige, Große oder Stille Woche genannt. Jene Menschen, welche beim Einzug in Jerusalem "Hosianna, dem Sohn Davids" jubelten, riefen nur wenige Tage später "Ans Kreuz mit ihm".
Die letzten Kartage bilden mit Ostern eine Einheit. Es sind im kirchlichen Jahr drei österliche Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung. Mit dem Osterfest wird zugleich der Höhepunkt des Kirchenjahres gefeiert.
Kinder mit grünenden und blühenden Zweigen ziehen vor die Kirchentür. Mit dem Vortragekreuz wird dreimal an die geschlossene Tür der Kirche geklopft - die symbolische Bitte Christi um Einlaß in sein Haus. Darauf begrüßt die Kirchengemeinde die Kinder draußen mit dem Lied "Komm, oh mein Heiland".

Für die katholische Bevölkerung des Eichsfeldes ist die Palmsonntagsprozession der Höhepunkt. Wie so vieles in Heiligenstadt, so läßt auch diese Prozession einen Blick in die Geschichte zu. Eine Parallele finden wir bestenfalls in der barocken Bilderprozession von Lohr.

Die Darstellung des Leidens Christi in einer Bilderfolge, die sich seit den "Reformen" der kirchlichen Aufklärer in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im wesentlichen auf die "von Malern und Bildnern zur Vorstellung des Leidens Christi gefertigten Figuren" beschränkte, am Karfreitag und später am Palmsonntag, war in den Hochstiften Mainz, Würzburg und Bamberg sehr verbreitet.

 

Als Urheber dieses religiösen Brauches im rheinisch-fränkischen Bereich gelten die Jesuiten, die eine besondere Passionsfrömmigkeit in den von ihnen gegründeten und geleiteten Kongregationen und Bruderschaften förderten. Gemäß dem "didaktischen" Programm ihres Ordensgründers Ignatius von Loyola suchten sie die Glaubenserfahrung durch sinnliche Vermittlung zu stärken.

Die Bilderprozessionen am Karfreitag waren eine Mischform zwischen dramatischer Darstellung des Leidens Christi auf der Bühne, wie sie das Spätmittelalter kannte und dem prozessionsweisen Nachvollzug des Leidens Christi, während dem sich einzelne Teilnehmer während der Prozession öffentlich geißelten oder in der Nachfolge ihres Herrn Jesus Christus schwere Kreuze schleppten.

So interessant dieser Vergleich ist, so gibt es doch Unterschiede. Während die mittelalterlichen Passionsspiele unabhängig vom Ablauf des Kirchenjahres stattfanden und kaum liturgischen Charakter hatten, bezieht die Frömmigkeitsübung am Karfreitag ihren eigentlichen Sinn aus ihrer Zuordnung zum liturgischen Gedächtnis an den Tod des Herrn und dient, entsprechend dem jesuitischen Apostolat "ad majorem gloriam die", der "höheren Ehre Gottes".

Deshalb scheuten die Jesuiten weder Aufwand noch Mühen, um das "Leiden des Herrn" als triumphalen Zug durch die jeweilige Stadt zu gestalten. Durch das Mitziehen der höchsten Würdenträger bekennen sich diese zu ihrem Glauben an Jesus Christus und geben ein gutes Beispiel für viele. Die "Anwendung der Sinne" ist in der Methode des Ignatius von Loyola das zentrale Instrument der Gottsuche und Gottfindung: Der Weg des Menschen zu Gott führt über und durch die Objekte der mit Sinnen erfaßbaren Welt.

Ziel des jesuitischen Apostolates ist es, den Menschen in die Lage zu versetzen, daß er sich mittels seiner schöpferischen und gestaltenden Phantasie vor Augen führt, wie Christus, wie Maria oder eine andere Gestalt der Heilsgeschichte sich in einer besonderen Situation verhalten hat. Nicht selten ist bei Besuchern der Stadt, die erstmals die Prozession erleben, zu hören: "Das ist ja ein Stück lebendiges Mittelalter". Es ist tatsächlich ein Abschnitt der Religionsgeschichte, der über die Zeit Bestand hatte und sich auch für die Neuzeit als lebendige Form des Glaubensbekenntnisses erhalten und bewährt hat.

Predigt in der Lindenallee  

Die Orte Lohr und Heiligenstadt haben eins gemeinsam - beide gehörten in der Entstehungsphase dieser Prozession zum Erzbistum Mainz. Wann diese Entstehungsphase anzusetzen ist, bleibt schwierig. Konkrete Belege fehlen.

Im Eichsfeld wird allgemein die Aussage in der "Historia collegli Heiligenstadiani" als Beleg verwertet. Die Jesuiten schrieben dort in ihrem Jahresbericht für 1581 von "arma passionis dominicae" womit wohl die Geräte und Statuen zu verstehensind , mittels deren die Passion Christi in der Prozession dargestellt wurde. Die Anfertigung der Bildwerke wurde wahrscheinlich in der Stadt besorgt, da es an Bildhauern nicht fehlte. Daher gilt bisher das Jahr 1581 als die älteste Erwähnung der Leidensprozession für Heiligenstadt.

Zum anderen wird der Bezug zu den Jesuiten und zur Gegenreformation hergestellt. Zweifel bleiben. Doch der Rückblick in die geschichtliche Situation ist interessant und aufschlußreich. Die Reformation hatte auch im Eichsfeld und seiner Hauptstadt Heiligenstadt den alten Glauben verdrängt. Nur noch wenige Familien waren in der Stadt dem katholischen Glauben treu geblieben. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatte dies nicht entscheidend verändert. Die Gegenreformation fiel in die Amtsperiode des Mainzer Erzbischofs Daniel Brendel von Homburg (1555-1582).

Ihm gelang es auch, das Eichsfeld zum katholischen Glauben zurückzuführen. Im März 1561 hatte er in Aschaffenburg mit Vertretern des Jesuitenordens eine Übereinkunft treffen können, und im Oktober des gleichen Jahres trafen 16 Jesuiten in Mainz ein. Sie sollten mit ihm gemeinsam dafür sorgen, "daß die frühere Unverdorbenheit im Glauben und der ganzen katholischen Religion in unserem Erzstift Mainz wiedererlangt, die unsinnigen Lehren beseitigt, die überall überhandnehmenden Sekten von der unserer Sorge anvertrauten Herde des Herrn auf das gewissenhafteste abgewehrt werden" (Originalzitat).

Im Mai 1574 zog Erzbischof Daniel Brendel von Homburg mit großem Gefolge von Mainz über Fulda ins Eichsfeld, um hier die Erfüllung des Augsburger Religionsfriedens durchzusetzen. In seinem Gefolge befanden sich bereits Jesuiten. Diese kamen 1575 vollends nach Heiligenstadt, begründeten ein Jesuitencolleg und betätigten sich im Zuge der Gegenreformation. Sie ließen Mysterienspiele aufführen, belebten Wallfahrten und Prozessionen. Es wundert nicht, daß sich die Ableitung der Palmsonntagsprozession von der Wirksamkeit der Jesuiten trotz immer wieder aufkommender Zweifel bis heute hielt.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner, selbst einmal in Heiligenstadt wirksam, hat z. B. in seiner Erfurter Dissertation "Nachreformatorische Katholische Frömmigkeitsformen in Erfurt" die Heiligenstädter Prozession als Parallele zur Erfurter Fronleichnamsprozession der Jesuiten gesehen. Er vermutet ihren Ursprung in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Auch Dr. Bernhard Opfermann meldet mittlerweile Bedenken zur Jahreszahl 1581 als Entstehungsjahr der Heiligenstädter Palmsonntagsprozession an.

Im Jahre 1734 vollzog sich die Änderung des Prozessionstages von Karfreitag auf Palmsonntag. Die Verlegung erfolgte, um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit der Teilnahme zu geben. Ungeachtet aller Diskussionen um das eindeutige Entstehungsjahr zieht die Prozession auch heute noch durch die Straßen der Stadt.

Abendmahl mit gekleidetem Jesus  

Das Besondere dieser Heiligenstädter Palmsonntagsprozession, die zumindest in Deutschland einmalig ist, sind die überlebensgroßen Figuren, die auf Tragegestellen bzw. mit Stangen (Kreuz) von Trägern mitgeführt werden. Sie stellen Jesus in den einzelnen Stationen seines Leidens dar, weshalb sie auch als Leidens- oder Szenenprozession bezeichnet wird.

Die Figuren, die zum Teil mit Stoffgewändern bekleidet sind (jährlich neu), stammen mit Ausnahme der "Schmerzhaften Mutter" aus den Anfängen. Die Gesichter der Figuren sind sehr ausdrucksstark. Die Gliederung und der Verlauf der Prozession sind der Tradition treu geblieben.
 

Um 14.00 Uhr zieht der Prozessionszug von der Lindenallee aus über die obere Altstadt - Heimenstein - Klausgasse - Wilhelmstraße - Göttinger Straße.

Er findet in der Lindenallee (vor dem Bischöflichen Kornmissariat), mit nur weinigen Ausnahmen, in einer Andacht auch seinen Abschluß.

Andacht in der Lindenallee